„Der Verkehr muss seinen Beitrag leisten, um gegen die Klimakrise anzukämpfen.“

Bild: Ralf Weidel

Mathias Stein ist direkt gewählter Bundestagsabgeordneter für Kiel, Altenholz und Kronshagen. Bei der Bundestagswahl am 26. September kandidiert er für eine weitere Amtszeit und hat dem Westwind ein paar Fragen beantwortet.

Westwind: Du bist seit fast vier Jahren im Deutschen Bundestag. Was würdest du als deinen größten politischen Erfolg bezeichnen?

Mathias Stein: Der erstaunlichste Erfolg war für mich, dass ich es durch meinen persönlichen Einsatz geschafft habe, Dienstfahrräder steuerlich besser zu stellen als Dienstwagen. Und natürlich war es für mich jedes Mal ein Erfolg, wenn ich etwas für den Wahlkreis bewegen konnte. In den vergangenen Jahren ist es gelungen, Bundesgelder für den Erhalt mehrere Kieler Denkmäler einzuwerben, beispielsweise die Nikolaikirche und die Synagoge der jüdischen Gemeinde in der Waitzstraße. Außerdem kann Hasselfelde, der Strand auf dem Kieler Ostufer, dank Bundesgelder viel schöner und vor allem viel umweltgerechter entwickelt werden.

Westwind: Du kandidierst wieder für den Bundestag. Was sind deine wichtigsten Vorhaben für die nächsten vier Jahre?

Mathias: Ich bin Verkehrspolitiker. Gerade der Verkehr muss seinen Beitrag leisten, um gegen die Klimakrise anzukämpfen. Die Straßenverkehrsordnung ist derzeit zu sehr auf das fahrende und das parkende Auto zentriert. Ich bin überzeugt, dass wir eine echte Verkehrswende brauchen, bei der wir den Fokus auf andere Verkehrsmittel legen müssen – auf den öffentlichen Nahverkehr, auf Fußverkehr und auch auf den Radverkehr. Der Bund muss dafür kräftig Mittel zur Verfügung stellen und stärker Verantwortung für eine gute Radverkehrsinfrastruktur übernehmen.

Westwind: Dass Du Dich für eine Verbesserung des Radverkehrs einsetzt, haben in der letzten Zeit sicher viele Kielerinnen und Kieler mitbekommen. Du bezeichnest Dich selbst auch als „Fahrradabgeordneter“. Warum sollte Dich auch jemand wählen, dem das Thema Fahrrad nicht so wichtig ist?

Mathias: Ich genieße es immer, in Kiel mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, denn man bekommt viel mit von seiner Umwelt, kann absteigen und mit Menschen reden. Darum gefällt mir die Bezeichnung „Fahrradabgeordneter“. Bei der Verkehrspolitik müssen wir insgesamt darauf achten, dass wir das Gegeneinander unterschiedlicher Verkehrsträger abbauen und gegenseitige Rücksichtnahme fördern. Die Autofahrenden haben auch etwas davon, wenn mehr Menschen mit dem Fahrrad fahren, denn dann sind die Straßen leerer. Wenn die Radfahrer auch alle mit dem Auto fahren würden, hätten wir mehr Staus und größere Parkplatzprobleme. Insofern glaube ich, dass das Fahrrad auch etwas dazu beitragen kann, die Autofahrer zu entlasten. Aber natürlich gibt es über die Verkehrspolitik hinaus viele wichtige Themen. Als Sozialdemokrat und langjähriger Gewerkschafter ist der Einsatz für gute und sichere Arbeitsplätze seit jeher eins meiner Herzensthemen. Dazu gehören etwa die Arbeitsbedingungen in der Pflege, die wir durch die richtigen politischen Entscheidungen verbessern müssen.

Westwind: Als Gesellschaft blicken wir zurück auf eineinhalb Jahre Corona. Was bedeutet dies für die Politik der nächsten Wahlperiode?

Mathias: Wir müssen uns die Frage stellen: Wie können wir unser Gesundheitssystem fit machen? In Deutschland geben wir zwar viel Geld für unser Gesundheitssystem aus, müssen aber noch mal genau gucken: Was brauchen wir an Krankenhauskapazitäten? Wie können wir die Arbeitsbedingungen der Menschen in der Pflege und auch für das Reinigungspersonal verbessern? Sie alle müssen mehr Wertschätzung, vor allem aber auch mehr Geld erhalten und bessere Arbeitsbedingungen vorfinden. Gerade Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, scheiden oft viel zu früh aus dem Beruf aus, weil sie erwerbsunfähig sind oder einen anderen Beruf ergreifen wollen. Da müssen wir einiges verbessern. Die Corona-Pandemie hat uns zudem verdeutlicht, dass viele Menschen allein sind und wie sehr sie soziale Kontakte brauchen. Hieraus müssen wir etwas lernen für eine mögliche nächste Pandemie. Denn soziales Zusammenleben funktioniert nicht allein mit Digitalisierung.

Westwind: Auch ohne einen coronabedingten Lockdown gibt es in Kiel viele Menschen, die allein leben und zum Teil einsam sind. Was können wir politisch tun, um ihnen zu helfen?

Mathias: In Kiel wird schon eine ganze Menge gemacht. Es gibt viele ehrenamtliche Institutionen, die dazu beitragen Stadtteile aufzuwerten, damit man innerhalb seines Viertels Cafés und Nachbarschaftstreffs vorfindet. Diese sind in Kiel mittlerweile in fast jedem Stadtteil vorhanden. Wir brauchen Kultureinrichtungen, die den Menschen auch für wenig Geld Angebote machen. Hierfür müssen wir genügend Finanzmittel zur Verfügung stellen. Natürlich kann man niemanden zwingen, soziale Kontakte zu haben. Aber man kann die Menschen durch eine gute Umgebung dazu einladen. Und wir müssen auch die ehrenamtlichen Institutionen noch viel stärker fördern als bisher – die Sportvereine, Kulturvereine und Jugendverbände zum Beispiel.

Westwind: Was müssen wir tun, um Kinder nach der langen Corona-Zeit, in der sie monatelang nicht zur Schule gehen konnten, zu stärken?

Mathias: Wir müssen außerschulische Angebote fördern. Es darf jetzt nicht nur darum gehen, dass Kinder und Jugendliche ganz schnell den Stoff nachholen müssen. Betreuungsangebote und soziales Lernen müssen in der Bildungspolitik viel stärker zum Tragen gekommen. Und natürlich gehört viel Bewegung zum sozialen Lernen dazu. Kinder sollen nicht nur lernen müssen, sondern Spaß am Leben haben.

Westwind: Du trittst für die SPD an. Wie bist du denn eigentlich in die SPD gekommen?

Mathias: Ich komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus. Ich habe mich immer für Politik interessiert und bin dann mit 16 Jahren in die SPD eingetreten. Ich war zudem im Jugendwerk der Arbeiterwohlfahrt und bei den Falken aktiv. Ich hatte dann mal eine kurze Pause bei der SPD zwischen 1992 und 1996, bin damals wegen des Asylkompromisses ausgetreten. Bevor ich Bundestagsabgeordneter wurde, habe ich mich viele Jahre kommunalpolitisch für die SPD in Kiel engagiert.

Westwind: Zum Schluss noch eine Frage, die wir jedem Interview-Partner stellen. Was ist dein Lieblingsort in Kiel?

Mathias: Ich finde es immer wieder spannend, an der Kiellinie zu joggen und aufs Wasser zu schauen. Man kann bis hin zum Friedrichsorter Leuchtturm gucken. Hier ist eine richtig schöne Atmosphäre. Für die Kiellinie wünsche ich mir aber, dass wir noch mehr Aufenthaltsqualität schaffen.

Westwind: Denkst du dabei auch an eine autofreie nördliche Kiellinie?

Mathias: Zumindest am Wochenende könnte man da mehr ausprobieren und die Straße zeitweise für den Autoverkehr sperren.