Ein lebenswertes Kiel braucht die #TramfürKiel

Bild: IngolfBLN (flickr)

Am 20. Februar 2020 sind wir der Tram ein großes Stück nähergekommen: Die Kieler Ratsversammlung hat einstimmig die Weichen für einen öffentlichen Personennahverkehr auf eigener Trasse gestellt und beschlossen, dass im Rahmen einer umfangreichen „Trassen-Studie“ bis 2022 zunächst gründlich untersucht werden soll, wo genau die Bahn fahren könnte und wie der Straßenraum neu aufzuteilen ist.

Tram oder BRT?

Vorausgegangen war der Entscheidung der Ratsversammlung eine Grundlagenstudie, die im Dezember 2019 veröffentlicht wurde.1 Diese nennt allerdings zwei mögliche Alternativen für das neue ÖPNV-System: eine Tram oder ein BRT-System. Während die Tram auf Schienen fährt, handelt es ich beim straßengebundenen BRT-System („Bus Rapid Transit“) um überlange Busse, die auf komplett eigener Trasse fahren und – so wird es von der Grundlagenstudie vorgeschlagen – ihre Energie aus einer Oberleitung beziehen.

Die Gutachter warnen jedoch davor, dass das BRT-System laut ihrer Prognose nicht erweiterbar wäre. Die Kapazitätsgrenze wäre praktisch von Anfang an erreicht. Nach den Verkehrssimulationen würde die Hälfte der Fahrgäste zur Hauptverkehrszeit im BRT-Bussystem keinen Sitzplatz finden. Auch die langfristigen Betriebskosten wären beim BRT-System höher als bei der Tram.

Bei den Investitionskosten ist die Tram auf den ersten Blick dem BRT-System gegenüber im Nachteil, schließlich macht sie umfangreiche Straßenarbeiten und Schienenverlegung nötig. Dabei kann die Stadt bei einer Tram allerdings auf Fördermittel vom Bund hoffen. Im Januar wurde das Bundesgesetz zur ÖPNV-Finanzierung dahin gehend geändert, dass der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs in den Kommunen nun deutlich stärker als bisher gefördert wird. Dies könnte eine erhebliche finanzielle Erleichterung für Kiel bedeuten. Dabei werden allerdings nur schienengebundene Systeme gefördert – ein BRT-System wäre nicht förderfähig.

Ein BRT-System hätte im Vergleich zu der sanft beschleunigenden und abbremsenden Tram auch eine erheblich geringere Beförderungsqualität. Eine Tram bietet deutlich mehr Platz für Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen. Und nur mit einer Tram ist die vollständige Barrierefreiheit realisierbar, denn nur sie hält verlässlich und millimetergenau am Bordstein. Mehr Platz und Barrierefreiheit sind für uns zwei ganz entscheidende Argumente für die Tram, da wir nur so allen Mitbürgern eine selbständige Teilhabe an unserem gesellschaftlichen Leben ermöglichen können.

Die Grundlagenstudie kommt zudem zu dem Ergebnis, dass eine Tram viele Zielorte in der Region Kiel schneller und zuverlässiger erreichbar machen würde. Das wäre ein großer Fortschritt in der sozialen Inklusion. Denn es sind nicht nur die Menschen im Rollstuhl, die ohne Auto mobil sein müssen.

Insgesamt spricht sich das Gutachten ausdrücklich für die Tram aus – die aus “verkehrlicher, städtebaulicher und ökonomischer Sicht die sinnvollste Variante”. Sie ist zudem nach Einschätzung der Gutachter das einzige System, mit dem die Stadt Kiel ihre bereits beschlossenen Klimaschutzziele erreichen kann.

Trassenstudie und Bürgerbeteiligung

Wir begrüßen dennoch, dass die Ratsversammlung in der Trassenstudie auch ein BRT-System weiter untersuchen lassen möchte. Denn an diesem Prozess sollen wir Kieler Bürgerinnen und Bürger beteiligt werden. Darin sehen wir einen wichtigen Baustein für eine erfolgreiche Umsetzung. Dafür ist es aber auch wichtig, dass nicht alles vorentschieden ist.

Einen guten ersten Schritt für die Bürgerbeteiligung boten die Auftaktveranstaltungen in vier Kieler Stadtteilen im Herbst 2019. Hierfür möchten wir unser Lob der Politik und der Verwaltung aussprechen und alle Bürger*innen dazu ermutigen, an dem Prozess weiterhin teilzunehmen, sich mit guten Ideen einzubringen und an der Gestaltung ihrer Stadt aktiv mitzuwirken.

Eine sinnvolle Bürgerbeteiligung während der Trassenstudie setzt voraus, dass den Bürgern die Bedeutung der Tram für die Stadtgestaltung veranschaulicht wird. Die Bürger wollen nicht nur wissen, wie weit sie zur Haltestelle laufen, sondern auch, wie durch die Tram ihre direkte Lebensumgebung aufgewertet werden kann. Dazu sind anschauliche Visualisierungen notwendig.

Die Trassenstudie sehen wir auch als Chance, ganze Straßenzüge von Hauswand zu Hauswand neu zu planen – eine Chance, das Stadtbild aufzuwerten und die Lebensqualität in Kiel zu steigern. Nicht nur, weil weniger Feinstaub ausgestoßen wird, sondern auch, weil weniger Autos auch mehr Lebensraum für Menschen zum Begegnen und Verweilen lassen. Und eine Chance, Einkaufsstraßen aufzuwerten und lebendig zu gestalten. Denn wie zahlreiche Studien zeigen, kommt der Großteil der Kunden des städtischen Einzelhandels zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Nahverkehr und nicht mit dem Auto. Der Anteil der autofahrenden Kunden wird seitens des Einzelhandels häufig überschätzt. Gerade der Einkaufsverkehr in Großstädten nutzt zu hohen Anteilen attraktive Bahnsysteme, wie etwa die Tram.

Noch ist weder entschieden, wo genau die Bahn langfahren wird noch welches System sich durchsetzen wird. Dies wird erst Anfang 2023 politisch entschieden. Am Ende der Beteiligung muss eine Entscheidung für das bestmögliche System mit der bestmöglichen Trasse unter Abwägung aller Vor- und Nachteile stehen. Maßgeblich für die Entscheidung muss etwa sein, wie man die Barrierefreiheit am meisten fördert oder dem Klimaschutzziel gerecht wird. Sie darf nicht an der Frage ausgerichtet werden, wo der geringste Widerstand herrscht. Denn eine demokratische Entscheidung setzt auch voraus, dass sie auch im Sinne derer gefällt wird, die nicht an der Bürgerbeteiligung teilnehmen.

 

DER VEREIN „TRAM FÜR KIEL“

Tram für Kiel e.V. ist eine Initiative von etwa 90 Kieler Bürgerinnen und Bürgern, Vereinen und Unternehmen. Wir treten für eine Mobilitätswende ein und eine lebenswerte, attraktive Stadt. Darüber möchten wir vor allem informieren und organisieren Vorträge, fahren auf Exkursionen und jeden Monat treffen sich aktive Mitglieder und Mitstreiter: immer am zweiten Montag im Monat, jedes Mal in einem anderen Stadtteil – wenn nicht gerade Pandemie ist. Jede und jeder ist herzlich eingeladen. Wir freuen uns über tatkräftige Unterstützung! Und über neue Mitglieder: tram-kiel.de/mitglied. Wer sich weiter informieren möchte, findet uns auch in den sozialen Medien: bei Twitter [@Tram_Kiel] und Facebook [@tramkiel].

An dieser Stelle wollten wir eigentlich zu unserem Jubiläumsfest einladen. Der Verein wurde vor 10 Jahren gegründet. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung konnten wir den geplanten Termin aber nicht halten und hoffen unser Jubiläum in der zweiten Jahreshälfte begehen zu können. Wer Interesse hat, kann sich gerne schon mal unter 10jahre@nulltram-kiel.de melden. Um gebührend zu feiern, möchten mit bekannten Stadt- und Raumplanern über Chancen zur Stadtgestaltung mit der Einführung einer Tram sprechen sowie Beispiele aus der Praxis zeigen.