Kiel für alle! Nur eine soziale Stadt ist eine starke Stadt

Ulf Kämpfer. Kiel hat den Anspruch, eine soziale Stadt zu sein. Denn Kiel ist keine reiche Stadt und Solidarität deshalb besonders wichtig. Aber was heißt das genau? Und wie lösen Stadtverwaltung und Ratsversammlung diesen Anspruch eigentlich konkret ein?

Bild: Fabian Winkler

 

Ob Hartz IV, Kindergeld, Mietpreisbremse oder Mindestlohn: Wie wir den Sozialstaat gestalten, wird oft auf Bundes- und Landesebene entschieden. Aber das reale Leben findet in den Kommunen statt. Gerade in den großen Städten entscheidet sich, ob Kinder, Familien, Ältere oder Menschen mit Handicap die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Geld macht nicht glücklich, heißt es ja. Aber wenig Geld zu haben stresst, macht Sorgen und kostet Kraft, die man eigentlich für anderes braucht. Kommen Arbeitslosigkeit, eine Trennung oder Krankheit dazu, werden viele aus der Bahn geworfen. Hier schnell und pragmatisch und oft auch über längere Zeit zu helfen, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die eine Kommune hat.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Unterstützungsangebote es gibt und wie viel Geld in soziale Projekte fließt: Für Kinder aus armen Familien ist die Kita dank Sozialstaffel gebührenfrei. Es gibt Schuldnerberatung, Integrationsangebote für Geflüchtete, kostenlose Nutzung von Sporthallen für Vereine, Schulsozialarbeit und vieles mehr. Kurzum: Es gibt eine Fülle an Angeboten, die durch die Unterstützung der Stadt wenig oder gar nichts kosten. Doch trotz aller Bemühungen komme ich doch an der Erkenntnis nicht vorbei, dass wir – die Politik, die Gesellschaft – das Versprechen „kein Kind zurückzulassen“ viel zu oft brechen.

Armut kenne ich nicht aus eigener Erfahrung. Ich bin in einem kleinen Dorf zwischen Plön und Eutin aufgewachsen. Wir waren nicht reich, aber wir kamen klar. Anders als meine Kumpels fuhren wir nur selten in den Urlaub. Ich trug die abgelegten Pullover meines älteren Bruders. Teure Hobbys konnte ich mir nicht leisten. Das war alles nicht wichtig – es war eine unbeschwerte Kindheit. Von Armut oder Arbeitslosigkeit bekam ich wenig mit. Es gab auch keine „besseren“ oder „schlechteren“ Straßen im Dorf.

Natürlich wusste ich, dass das in Großstädten anders und Kiel eine Großstadt mit vergleichsweise viel Armut ist. Aber konkret greifbar wurde das für mich erst in meiner Zeit als Miet- und Familienrichter am Kieler Amtsgericht. Bei einer Wohnungsräumung dabei zu sein, Eltern ihr Kind wegzunehmen, weil sie nicht in der Lage sind, sich gut zu kümmern, gewalttätige Männer aus der Ehewohnung zu verbannen und entscheiden, ob bei einer alten Dame der Strom wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt werden darf, obwohl sie doch ihre Medikamente im Kühlschrank aufbewahren muss: Als Amtsrichter habe ich viel Not und Verzweiflung gesehen, die den meisten unbekannt sind und verborgen bleiben. Und ich musste damit klar kommen, als Richter Entscheidungen mit existenziellen Folgen zu treffen und dabei zu wissen, dass ich an den Ursachen des Unglücks wenig ändern kann.

Als Oberbürgermeister lernte und erfuhr ich dann noch vieles mehr: Unsere Stadteile driften eher auseinander, statt zusammenzuwachsen. Viele Kinder in Kiel leben in Familien, die von staatlicher Unterstützung abhängig sind. Viele von ihnen werden nicht so gefördert, wie sie es bräuchten, erleben vieles nicht, was für andere Kinder selbstverständlich ist. Erschütternd, aber wahr: Viele Kieler aus armen Familien sind noch nie am Meer gewesen, obwohl es doch direkt vor der Haustür liegt!

Damit diese Kinder nicht als Erwachsene in die gleichen Teufelskreise aus Armut, Arbeitslosigkeit und „Abgehängtsein“ geraten, braucht es noch viel mehr Engagement: Zuallererst brauchen wir die besten Kitas und Schulen gerade dort, wo Kinder die schwierigsten Startbedingungen haben. Unterstützung für die Eltern ist genauso wichtig – denn der Sozialstaat kann nicht alles ausbügeln, was Eltern nicht schaffen. Und es braucht gute öffentliche Infrastrukturen: Stadtbüchereien, Schwimmbäder, Jugendtheater, Skatebordparks, Jugendtreffs und Ferienangebote wie die legendären Strandfahrten zum Falckensteiner Strand. Denn auch das habe ich gelernt, als Richter, Oberbürgermeister und Vater: Bekommen Kinder den Rückenwind und die Geborgenheit, die sie verdienen, braucht es nicht viel, damit sie eigenverantwortliche, auf eigenen Füßen stehende Erwachsene werden.

Dieses Thema bewegt mich. Und deshalb will ich noch mehr für den sozialen Zusammenhalt in Kiel tun. Die neue städtische Wohnungsbaugesellschaft wird für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgen. Denn gutes Wohnen für alle zu ermöglichen ist eine Schicksalsfrage für die Stadt: Im Kieler Süden, auf dem MFG-5-Gelände im Kieler Norden und an der Universität entstehen dafür neue Stadtteile. Den öffentlichen Nahverkehr wollen wir besser, umweltfreundlicher und günstiger machen. Mobilität ist auch eine soziale Frage: Jedes Kieler Kind sollte ans Meer kommen können. Wir bauen attraktive Fahrradwege und beschleunigen damit die Verkehrswende. So stärken wir ein Verkehrsmittel, das sich fast alle leisten können.

Und ich setze mich für eine neue wirtschaftliche Stärke Kiels ein, die nicht spaltet, sondern sozialen Zusammenhalt stärkt. Mehr und besser bezahlte Arbeit ist der beste Weg aus der Armut. In den letzten Jahren sind 12.000 neue Jobsin Kiel entstanden. Die Arbeitslosigkeit hat sich seit 2005 mehr als halbiert. Und denen, die viele Jahre ohne Arbeit sind, können wir seit Anfang 2019 mit dem sogenannte Sozialen Arbeitsmarkt helfen, damit sie mit Hilfe staatlich finanzierter Arbeitsmöglichkeiten wieder Fuß fassen und Teil der wirtschaftlichen Erfolgsstory Kiels werden.

Es waren für mich sehr intensive und erfüllende erste fünf Jahre im Kieler Rathaus. Jetzt bewerbe ich mich für eine zweite Amtszeit. Ich stehe ein für ein Kiel, das Lust auf Veränderungen macht und gleichzeitig soziale Sicherheit gibt. Ein Kiel, das eng zusammenhält, das niemanden alleine lässt, das gerecht und weltoffen ist, das moderne Industrieunternehmen genauso anzieht wie innovative Start-ups.

Ich arbeite für eine Stadt, die zeigt, wie in unserer immer hektischer und unruhiger werdenden Welt Bürgergeist, Nachhaltigkeit, Lebensqualität und wirtschaftlicher Erfolg klug miteinander verbunden werden können. Eine Stadt, in der sich die Kielerinnen und Kieler wohl fühlen, zu Hause sind und zu Hause bleiben. Kurzum: Ich will mithelfen, das Versprechen einzulösen, das diese Stadt ist. Auch und gerade das Versprechen, eine soziale Stadt zu sein.

Ulf Kämpfer